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Die EU-Taxonomie ist längst kein Nischenthema für Nachhaltigkeitsabteilungen mehr. Sie greift tief in die Steuerung von IT-Investitionen ein – von Rechenzentren über Cloud-Services bis hin zur Enterprise-IT in Konzernen und Behörden. Gerade in Deutschland und der DACH-Region wird sie zu einem wichtigen Hebel für Finanzierung, Berichtspflichten und die strategische Ausrichtung der IT-Landschaft.

Begriffserklärung: Was ist die EU-Taxonomie?

Die EU-Taxonomie ist ein Klassifikationssystem der Europäischen Union, das definiert, welche wirtschaftlichen Aktivitäten als ökologisch nachhaltig gelten. Grundlage ist die Taxonomie-Verordnung (Regulation (EU) 2020/852), ergänzt durch verschiedene delegierte Rechtsakte. Ziel ist es, Kapitalströme in nachhaltige Aktivitäten zu lenken, Greenwashing zu verhindern und Vergleichbarkeit herzustellen.

Für jede definierte Aktivität legt die EU-Taxonomie technische Bewertungskriterien fest. Ein Unternehmen kann eine Aktivität als „taxonomiekonform“ ausweisen, wenn sie:

  • einen wesentlichen Beitrag zu mindestens einem von sechs Umweltzielen leistet (z. B. Klimaschutz),
  • keinen signifikanten Schaden an anderen Umweltzielen anrichtet („Do no significant harm“),
  • Mindestschutzstandards zu Menschen- und Arbeitsrechten einhält.

Die Relevanz für die IT-Branche ergibt sich aus mehreren Richtungen:

  • IT-Unternehmen und Rechenzentrumsbetreiber werden selbst als wirtschaftliche Akteure klassifiziert.
  • Alle großen Unternehmen mit wesentlichen IT-Aktivitäten müssen im Rahmen von EU-Taxonomie und CSRD offenlegen, welcher Anteil von Umsatz, CapEx und OpEx nachhaltig ist.
  • Banken und Investoren nutzen die EU-Taxonomie als Richtschnur für nachhaltige Finanzierungen und Kreditkonditionen.

Funktionsweise & technische Hintergründe

Für die IT-Branche sind vor allem zwei Taxonomie-Aktivitäten relevant:

  1. „Data processing, hosting and related activities“ – im Kern Rechenzentren, Cloud- und Hosting-Services.
  2. „Supporting the sale or reuse of servers and data storage products“ – Aktivitäten rund um Kreislaufwirtschaft und Wiederverwendung von IT-Hardware.

Die technischen Kriterien für Rechenzentren sind im Climate Delegated Act konkretisiert. Sie knüpfen u. a. an:

  • Energieeffizienz (z. B. PUE-Schwellenwerte, Effizienz von USV und Kühlung)
  • Einsatz erneuerbarer Energien (direkte Beschaffung oder PPAs)
  • Treibhauspotenzial von Kältemitteln (GWP-Grenzwerte für Kühlmittel)

Technisch orientieren sich die Kriterien stark am EU Code of Conduct on Data Centre Energy Efficiency und an zugehörigen Best-Practice-Guidelines der Europäischen Kommission.

Parallel dazu entstehen zusätzliche Berichtspflichten, etwa über die Energieeffizienzrichtlinie (EED) und ein EU-weites Schema zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Rechenzentren (Delegierte Rechtsakte nach Art. 12 EED). Rechenzentren müssen definierte Kennzahlen (z. B. Energieverbrauch, Kühlkonzept, Temperaturbereiche) veröffentlichen.

Anwendungsbeispiele in der Praxis

1. Colocation-Rechenzentrum in Deutschland
Ein Betreiber in Deutschland, der seine Rechenzentren nach EU-Taxonomie ausrichten will, optimiert Kühlung und Stromversorgung, beschafft erneuerbare Energie und dokumentiert alle relevanten KPIs. Auf dieser Basis kann er gegenüber Banken und Kunden einen taxonomiekonformen Anteil seiner Aktivitäten ausweisen – ein klares Argument in ESG-Ausschreibungen.

2. Cloud-Provider mit Standorten in der EU
Ein internationaler Cloud-Anbieter muss für seine EU-Rechenzentren die technischen Screening-Kriterien erfüllen und in der nichtfinanziellen Berichterstattung darlegen, welche Rechenzentrumsflächen und Services Taxonomie-konform sind. Das beeinflusst Standortwahl, Hardware-Design und Workload-Verteilung.

3. IT-intensive Unternehmen in der DACH-Region
Große Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit eigenen Rechenzentren oder großen Outsourcing-Verträgen müssen ihren Taxonomie-Fußabdruck ausweisen. Dazu brauchen sie granulare Daten aus IT, Einkauf und Facility Management (z. B. kWh pro Service, Scope-2-Emissionen nach Standort).

Nutzen und Herausforderungen

Zentrale Nutzenaspekte für die IT-Branche

  • Besserer Zugang zu Kapital: Taxonomie-konforme IT-Projekte können leichter als „grün“ finanziert werden, etwa beim Ausbau eines energieeffizienten Rechenzentrums.
  • Wettbewerbsvorteile im Vertrieb: Öffentliche Auftraggeber und Großkunden fragen verstärkt explizit nach EU-Taxonomie- und CSRD-Konformität.
  • Transparente Steuerung: Kennzahlen zu Energieverbrauch, Emissionen und Kreislaufwirtschaft schaffen eine belastbare Grundlage für IT-Strategien und Modernisierungsprogramme.

Herausforderungen und Risiken

  • Hohe Komplexität: Die Kombination aus Taxonomie-Verordnung, Climate Delegated Act, EED und weiteren Vorgaben bildet ein komplexes Regulierungsgeflecht, das IT- und Nachhaltigkeitsteams gemeinsam verstehen müssen.
  • Datenverfügbarkeit: Viele IT-Organisationen erfassen Energie- und Umweltkennzahlen bislang nicht in der erforderlichen Detailtiefe.
  • Freiwilligkeit bei der Aktivitätsauswahl: Unternehmen sind nicht verpflichtet, Taxonomie-aktiv zu sein – aber der Markt erwartet zunehmend ein klares Bekenntnis. Wer nicht liefert, kann bei Investoren und Kunden an Attraktivität verlieren.

Ergänzende Rahmenwerke

Neben der EU-Taxonomie existieren weitere ESG- und Nachhaltigkeitsrahmen, die in der IT-Praxis relevant sind, etwa die GRI-Standards, die Empfehlungen der Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) oder die Science Based Targets initiative (SBTi) zur wissenschaftsbasierten Emissionsreduktion. Nationale und europäische Normen wie EN 50600 sowie Umweltzeichen für Rechenzentren ergänzen die regulatorischen Vorgaben um praxistaugliche Gestaltungsrichtlinien.

Für IT-Verantwortliche bedeutet das: EU-Taxonomie als regulatorischen Kern verstehen und durch passende Frameworks für Reporting, Zielsetzung und technische Umsetzung flankieren.

Fazit: EU-Taxonomie als strategischer Kompass für die IT

Die EU-Taxonomie entwickelt sich für die IT-Branche – von Rechenzentren über Cloud bis zur Enterprise-IT – zu einem strategischen Kompass für nachhaltige Investitionen. Sie zwingt Unternehmen, Energieeffizienz, Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft systematisch in Architekturentscheidungen, Sourcing-Strategien und Modernisierungsprojekte zu integrieren. Wer frühzeitig Transparenz über seine IT-Emissionen schafft und die Kriterien der EU-Taxonomie erfüllt, stärkt seine Position im Wettbewerb um Kapital, Kunden und Fachkräfte – in Deutschland, der DACH-Region und im gesamten EU-Binnenmarkt.

Autor: Michael Deinhard Autor

LinkedIn Profil von: Michael Deinhard Michael Deinhard

Artikel erstellt: 04.03.2026
Artikel aktualisiert: 04.03.2026

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