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Praktisch jedes Unternehmen, das Prozesse digitalisieren möchte, stößt früher oder später auf ARIS und Camunda. Obwohl beide Namen häufig im selben Atemzug genannt werden, verfolgen sie grundlegend unterschiedliche Ziele – die Frage ist deshalb seltener "welches ist besser", sondern "welches passt zu welcher Aufgabe".

Dieser Beitrag hilft bei genau dieser Entscheidung: klar, vergleichend und ohne eines der beiden Werkzeuge zum pauschalen Gewinner zu erklären. Wer sich zunächst einen breiteren Überblick über Modellierungsmethoden verschaffen möchte, findet ihn in unserem Beitrag Prozessmodellierung: Methoden, Notationen und Werkzeuge im Überblick.

ARIS und Camunda auf einen Blick

ARISCamunda
Prozessmodellierung Workflow Engine
Dokumentation Ausführung
Prozesslandschaft Automatisierung
Analyse Orchestrierung

Was ist ARIS?

ARIS ist eine Plattform zur Modellierung, Dokumentation und Analyse ganzer Prozesslandschaften. Sie unterstützt Unternehmen dabei, nicht nur einzelne Prozesse, sondern deren Zusammenspiel innerhalb der gesamten Prozessarchitektur zu verwalten – inklusive Governance-Funktionen, die sicherstellen, dass Prozessmodelle unternehmensweit konsistent gepflegt werden. Zentraler Baustein ist dabei das Repository: eine zentrale Ablage, in der alle Prozessmodelle, Objekte und ihre Beziehungen zueinander konsistent gespeichert und wiederverwendet werden können. ARIS liegt damit näher an der strategischen, dokumentierenden Seite des Prozessmanagements.

Was ist Camunda?

Camunda ist eine Workflow Engine, die BPMN-Modelle direkt technisch ausführbar macht. Statt Prozesse nur zu dokumentieren, orchestriert Camunda ihre tatsächliche Ausführung im laufenden Betrieb – etwa die Steuerung von Genehmigungsabläufen oder die Anbindung mehrerer Systeme über APIs. Camunda liegt damit näher an der technischen, automatisierenden Seite des Prozessmanagements.

Können ARIS und Camunda dieselben Aufgaben lösen?

Es gibt Überschneidungen, aber keine vollständige Austauschbarkeit. Die folgende Übersicht zeigt, wo sich beide Plattformen tatsächlich überschneiden und wo sie klar getrennte Stärken haben.

AufgabeARISCamunda
Prozesse dokumentieren teilweise
Prozesse automatisieren
Governance
Workflow steuern teilweise

Genau diese Tabelle erklärt, warum sich beide Werkzeuge in der Praxis so gut ergänzen: Die Schnittmenge ist klein genug, dass keine echte Konkurrenz entsteht, aber groß genug, dass ein durchgängiger Übergang von der Dokumentation zur Ausführung möglich ist.

Die wichtigsten Unterschiede

KriteriumARISCamunda
Hauptzweck Modellierung, Dokumentation, Governance Technische Ausführung von Prozessen
Modellierung EPK und BPMN BPMN, DMN, CMMN
Automatisierung Nicht der Fokus Zentrale Stärke
BPMN-Unterstützung Ja, zur Dokumentation Ja, zur technischen Ausführung
Prozesslandschaft Zentrale Stärke Nicht der Fokus
Governance Ausgeprägt Eher gering
Ausführung Nein Ja, direkt
Zielgruppe Prozessmanager, Business Analyst, Management Entwicklerteams, technische Prozessverantwortliche
Integration In Unternehmensarchitektur eingebettet Über APIs und Microservices
Skalierung Unternehmensweite Prozesslandschaften Einzelne bis viele technisch ausgeführte Prozesse

Wann eignet sich ARIS?

ARIS eignet sich besonders für große Unternehmen mit komplexen, unternehmensweiten Prozesslandschaften, in denen Dokumentation, Governance und Compliance-Anforderungen im Vordergrund stehen. Es hilft, wenn Prozesse nicht nur einzeln, sondern im Zusammenhang mit der gesamten Prozessarchitektur analysiert und gepflegt werden sollen. Wer eine ARIS-basierte Prozesslandschaft aufbauen oder pflegen möchte, findet dazu passende Formate im Kurs ARIS.

Wann eignet sich Camunda?

Camunda eignet sich, wenn Prozesse nicht nur dokumentiert, sondern tatsächlich automatisiert und technisch ausgeführt werden sollen – etwa in Kombination mit Microservices, über APIs angebundenen Systemen oder als Rückgrat konkreter Digitalisierungsprojekte. Es richtet sich stärker an technisch orientierte Teams, die BPMN direkt in ausführbare Workflows überführen möchten.

Können ARIS und Camunda zusammen genutzt werden?

Ja – und in der Praxis ist genau das ein häufiges Szenario. Beide Plattformen schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern decken unterschiedliche Phasen desselben Prozesslebenszyklus ab.

Analyse Modellierung Optimierung Automatisierung Monitoring

Auf diesen Lebenszyklus lassen sich beide Werkzeuge klar verorten: ARIS deckt die ersten drei Phasen ab – Analyse, Modellierung und die konzeptionelle Optimierung eines Prozesses. Camunda übernimmt ab der Automatisierung: die technische Ausführung sowie das laufende Monitoring der tatsächlichen Prozessinstanzen. Dieselbe Prozessdefinition wandert damit von der dokumentierenden in die ausführende Welt, ohne dass Fachbereich und technisches Team unterschiedliche Sprachen sprechen müssten.

ARIS Modellierung & Dokumentation Camunda Technische Ausführung

In einem solchen Zusammenspiel dient ARIS als zentrales Repository für die unternehmensweite Prozessarchitektur, während Camunda die konkrete, technische Ausführung einzelner Prozesse übernimmt. Fachbereiche modellieren und dokumentieren in ARIS, technische Teams überführen ausgewählte, stabile Prozesse anschließend zur Automatisierung in Camunda.

Aus unserer Erfahrung

Unternehmen, die ARIS und Camunda als Konkurrenten statt als Ergänzung betrachten, verpassen häufig den größten Nutzen. Die stärksten Ergebnisse entstehen dort, wo die Prozessarchitektur aus ARIS die Grundlage liefert und Camunda genau die Prozesse automatisiert, die dafür tatsächlich geeignet und stabil genug sind.

Vor- und Nachteile

Vorteile von ARISNachteile von ARIS
Zentrale Verwaltung ganzer Prozesslandschaften Keine technische Ausführung von Prozessen
Starke Governance- und Compliance-Funktionen Höherer Einführungsaufwand in kleineren Organisationen
Etabliert in großen, komplexen Organisationen Weniger geeignet für schnelle, technische Automatisierung
Vorteile von CamundaNachteile von Camunda
Direkte technische Ausführung von BPMN-Modellen Kein Fokus auf unternehmensweite Prozesslandschaften
Gute Integration über APIs und Microservices Eher geringe Governance-Funktionen
Ideal für konkrete Automatisierungsprojekte Setzt technisches Verständnis im Team voraus

Typische Einsatzszenarien

ARIS kommt typischerweise bei der Prozessarchitektur eines Unternehmens, bei Compliance-Anforderungen und im Qualitätsmanagement zum Einsatz, wo eine vollständige, nachvollziehbare Prozesslandschaft gefragt ist. Camunda wird häufig für konkrete Workflow-Automatisierung genutzt – etwa bei Rechnungsfreigaben, Genehmigungsprozessen, API-gestützten Integrationen oder in Kombination mit RPA für regelbasierte Teilaufgaben.

Welche Lösung passt zu welchem Unternehmen?

UnternehmenEmpfehlung
Mittelstand mit konkretem Automatisierungsbedarf Camunda
Konzern mit komplexer Prozesslandschaft ARIS
Zentrales BPM-Team mit Governance-Fokus ARIS
Technisches Digitalisierungsprojekt Camunda
Unternehmensweite Governance-Anforderungen ARIS
Modellierung und Automatisierung aus einer Hand Beide kombiniert

Process Mining im Zusammenspiel mit ARIS und Camunda

Process Mining kann sowohl für ARIS als auch für Camunda wertvolle Erkenntnisse liefern, wenn auch an unterschiedlichen Stellen des Lebenszyklus. Auf der ARIS-Seite hilft Process Mining dabei, den realen Ist-Zustand eines Prozesses datenbasiert zu erfassen, bevor er im Repository modelliert wird – statt sich ausschließlich auf Interviews zu verlassen. Auf der Camunda-Seite wertet Process Mining die tatsächlichen Ausführungsdaten bereits automatisierter Prozessinstanzen aus und deckt auf, wo die reale Ausführung vom ursprünglichen Modell abweicht. In beiden Fällen macht Process Mining sichtbar, was sonst verborgen bliebe – und schließt damit den Kreis zwischen Modellierung und tatsächlicher Praxis.

Wie ARIS, BPMN und Camunda im Unternehmen zusammenspielen

Business ARIS BPMN Camunda Workflow ERP

Diese Kette zeigt den vollständigen Weg von der geschäftlichen Anforderung bis zur technischen Ausführung: Eine fachliche Anforderung wird in ARIS dokumentiert und in die Prozessarchitektur eingeordnet, als BPMN-Modell eindeutig spezifiziert, von Camunda technisch ausgeführt, als konkreter Workflow gesteuert und schließlich mit bestehenden ERP-Systemen verbunden, um Daten auszutauschen und Geschäftsvorgänge abzuschließen.

Kurz zusammengefasst

  • ARIS ist auf Prozessmodellierung, Dokumentation und Governance ausgerichtet.
  • Camunda ist auf technische Prozessausführung und Automatisierung ausgerichtet.
  • Beide nutzen BPMN, verfolgen damit aber unterschiedliche Zwecke.
  • ARIS eignet sich für große, komplexe Prozesslandschaften mit Compliance-Anforderungen.
  • Camunda eignet sich für konkrete, technisch orientierte Automatisierungsprojekte.
  • Viele Organisationen kombinieren beide Werkzeuge im selben Prozesslebenszyklus.

Fazit

ARIS und Camunda lösen unterschiedliche Aufgaben. ARIS unterstützt Unternehmen vor allem bei der Modellierung, Dokumentation und Governance ihrer Prozesslandschaft. Camunda setzt dort an, wo Prozesse automatisiert und technisch ausgeführt werden sollen. In vielen Organisationen ergänzen sich beide Lösungen und werden gemeinsam eingesetzt – die Frage ist deshalb selten "ARIS oder Camunda", sondern häufiger, an welcher Stelle im Prozesslebenszyklus welches Werkzeug seinen Platz hat.

Einen strukturierten Einstieg in Prozessanalyse, Modellierung und Optimierung als Gesamtpaket bietet unsere Kategorie Prozessmanagement Schulungen.

Autor: Olena Babicheva Autor

LinkedIn Profil von: Olena Babicheva Olena Babicheva

Artikel erstellt: 24.07.2026
Artikel aktualisiert: 27.07.2026

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